KIUrious-Interviewreihe
Vom Kaiserreich über die Sowjetunion zu den besetzten Gebieten: Die lange Geschichte der Unterdrückung der ukrainischen Sprache und Kultur
Am 30. Mai 1876 unterzeichnete Zar Alexander II. im deutschen Kurort Bad Ems den sogenannten Emser Erlass, der die Nutzung der ukrainischen Sprache sowie das kulturelle Leben im Russischen Reich stark einschränkte. 150 Jahre später spricht die Soziologin und KIU-Gastforscherin Fiona Rose Greenland darüber, wie die ukrainische Sprache und Kultur bis heute eine politische Bedrohung für Moskau darstellen. Vor dem Hintergrund des aktuellen Krieges argumentiert sie, dass die kulturelle Zerstörung kein Nebenschauplatz des Krieges ist, sondern ein Ziel, das Russland mit politischen, militärischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Mitteln verfolgt.

Eine Frau rettet Ikonen aus den Ruinen der Kirche des Erzengels Michael in Komyshuvakha, Region Zaporizhzhia,
die in der Osternacht 2023 zerstört wurde. (IMAGO/ Ukrinform).
Der Emser Erlass zielte darauf ab, die ukrainische Sprache und Kultur im Russischen Reich zu unterdrücken. Welche Kontinuitäten sehen Sie aus heutiger Sicht zwischen diesem Beschluss und dem Vorgehen Russlands in der Ukraine, insbesondere in den besetzten Gebieten?
Als Zar Alexander II den Emser Erlass unterzeichnete, hatte das Russische Reich bereits Maßnahmen umgesetzt, die die russische Sprache und kulturelle Praktiken im gesamten Imperium bevorzugten. Der Emser Erlass jedoch enthielt Ziele und Methoden, die speziell auf die Ukraine ausgerichtet waren. Ein Berater des Zaren behauptete, die Ukrainer*innen strebten eine freie Ukraine in Form einer Republik an. Der Zar wurde schließlich davon überzeugt, dass solche Unabhängigkeitsbestrebungen beseitigt werden müssten und dass Sprache und Kultur der Schlüssel dazu seien. Es war, kurz gesagt, der Beginn eines neuen Kapitels in den Beziehungen zwischen dem Russischen Reich und seinen ukrainischen Untertanen.
Bis heute sehen wir Kontinuitäten zu den strengen Einschränkungen des Emser Erlasses für literarisches Schaffen und die Verbreitung ukrainischen Denkens und Wissens. Vom Zarenreich über die Sowjetunion bis hin zu den heute besetzten Gebieten der Ukraine besteht eine sprachliche und kulturelle Hierarchie, in der die ukrainische Sprache streng kontrolliert wird, weil ihre Sprecher*innen als politische Bedrohung für Moskau gelten.
Sie verwenden den Begriff „Natiocide“, um die Entwicklungen in der Ukraine zu beschreiben. Wie verändert dieses Konzept unseren Blick auf kulturelle Zerstörung als politische Strategie?
„Natiocide“ ist ein Begriff des Rechtswissenschaftlers Wolodymyr Pylypenko. Er baut auf der durch den Juristen Raphael Lemkin geprägten Definition von Genozid aus den 1940er Jahren auf. Diese umfasste neben der Zerstörung der kulturellen Identität einer Nation auch ihre Ersetzung durch die des Angreifers. Dieses zweistufige Muster verstand Lemkin als kulturellen Genozid. In der UN-Völkermordkonvention von 1948 wurden Aspekte des kulturellen Völkermords zugunsten der biologischen Vernichtung, einschließlich Tötungen und der Verhinderung von Geburten, zurückgestellt. Pylypenko kämpft heute darum, das internationale Recht zu verändern, um gezielt die Zerstörung einer Nation unter Strafe stellen
zu können.
Mein Ansatz aber ist ein anderer. Ich bin Soziologin, keine Juristin, und verwende „Natiocide“ als Kategorie sozialer und kultureller Herrschaft. Wichtig ist dabei: Russlands Ziel ist die kulturelle Zerstörung der Ukraine – und dafür werden politische, militärische, wirtschaftliche und rechtliche Mittel eingesetzt. Das zeigt sich etwa in den Rechtssystemen der besetzten Gebiete. Sprache, Religion, Bildung, Alltagsleben sowie Kunst und Literatur werden kontrolliert und überwacht, um mögliche Ausdrucksformen ukrainischer Identität zu unterdrücken.
In diesem Sinne würde ich Ihre Frage anders beantworten: Kulturelle Zerstörung ist kein Mittel zum Zweck, das im Dienste eines politischen Ziels eingesetzt wird. Moskau setzt politische Mittel ein, um kulturelle Zerstörung zu erreichen.
Ihre Forschung dokumentiert kulturelle Gewalt über die Sprache hinaus, etwa zerstörte archäologische Stätten, geplünderte Museen und geraubte Kulturgüter. Welche Formen
dieser Gewalt beschäftigen Sie besonders?
Sprache und Literatur sind zentrale Fälle, auch weil Russland Sprachkonflikte als Vorwand für die Annexion 2014 und den Einmarsch in die Ukraine nutzte und diese Argumente im Vorfeld der Vollinvasion 2022 wiederholte. Aber es gibt auch andere Formen von Gewalt, die wir berücksichtigen sollten. Besonders besorgt bin ich über die Deportation ukrainischer Kinder. Zunächst geht es dabei um ihr Wohlergehen – emotional, körperlich und sozial – und um die Auswirkungen auf ihre Familien und Betreuungspersonen. Die Wiederherstellung ihres Lebens nach einer möglichen Rückkehr wird intensive und langfristige Unterstützung erfordern. Gleichzeitig sehe ich in der großen Zahl verschleppter Kinder einen Versuch Russlands, einer zukünftigen Generation von Ukrainer*innen ihre Identität zu berauben. Was wir über das Schicksal solcher Kinder in besetzten Gebieten oder in der Russischen Föderation wissen, ist, dass sie einer Bildung und Propaganda ausgesetzt sind, die sie von ukrainischer Kultur, Ideen und Identität entfremden sollen.
Über die Zerstörung hinaus untersucht Ihre aktuelle Arbeit auch gemeinsame Anstrengungen, die die kulturelle Gewalt dokumentieren und das kulturelle Erbe in der Ukraine schützen wollen. Was zeigen uns diese Initiativen?
Die Dokumentation kultureller Gewalt ist eine gemeinsame Anstrengung ukrainischer zivilgesellschaftlicher Organisationen, staatlicher Kultureinrichtungen und internationaler Partner. Dieses Netzwerk unermüdlicher Akteur*innen widersetzt sich dem Angriff auf die ukrainische Kultur. Die erfassten Daten sollen nicht nur für mögliche juristische Aufarbeitung genutzt werden, sondern auch ein dauerhaftes Archiv dessen schaffen, was passiert ist, was geschützt wurde, was verloren ging und wer verloren wurde. Denn nicht nur Objekte und Artefakte sind in Kriegszeiten gefährdet, sondern auch viele ukrainische Künstler*innen, Schriftsteller*innen, Fotografen*innen, Journalist*innen, Musiker*innen und andere Kreative, deren Leben durch den Krieg Russlands beendet wurde.
Fiona Rose Greenland ist Associate Professor für Soziologie an der University of Virginia und KIU Fellow (April–Juli 2026). Sie promovierte sowohl in Klassischer Archäologie (D.Phil., University of Oxford) als auch in Soziologie (Ph.D., University of Michigan) und verbindet in ihrer Forschung beide Perspektiven. In ihrer aktuellen Arbeit entwickelt sie das Konzept des „Natiocides". Ihr kommendes Buch erscheint bei Princeton University Press.