Wahlen in der Ukraine? Was Meinungsumfragen verraten
Wahlen in der Ukraine? Was Meinungsumfragen zeigen (Inna Volosevych)
Inna Volosevych
Selenskyj ist bereit für Wahlen, sobald es die Sicherheitslage erlaubt. Für die meisten Ukrainer*innen ist das keine Überraschung. Erstmals seit drei Jahren liefern Umfrageinstitute wieder Daten. Was sie zeigen: Potenzial, keine Prognosen.

Eine Wahlurne in der Ukraine, 28.11.2020 (IMAGO/ Dreamstime)
Präsident Selenskyjs fünfjährige Amtszeit endete offiziell im Mai 2024. Seither haben aufgrund des Kriegsrechts keine Wahlen stattgefunden. Bisher haben weder die Ukrainer*innen noch politische Gegner*innen die Legitimität des Präsidenten in Frage gestellt. Der Großteil der Bevölkerung lehnt Wahlen ab, solange der Krieg andauert – seien es Präsidentschafts- oder Parlamentswahlen.
Was Umfragedaten verraten
Unveröffentlichten Daten des ukrainischen Meinungsforschungsinstituts Info Sapiens vom März 2025 zufolge lehnten 76 Prozent der Ukrainer*innen Wahlen in Kriegszeiten ab - lediglich 22 Prozent der Befragten befürworteten sie. Dieses Bild spiegelt sich auch in Erhebungen des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie (KIIS) wider¹. Im Verlauf des Jahrs 2025 allerdings verzeichnete KIIS einen schrittweisen Wandel in der öffentlichen Meinung: Im Dezember sprachen sich nur noch 59 Prozent der Befragten gegen Wahlen aus, während mehr als ein Drittel sie nun befürwortete². Dieser Wandel fiel mit einer Reihe prominenter Korruptionsskandale zusammen.
Legitimität im Krieg und russische Einflussnahme
Im Dezember 2025 sprachen mehr als die Hälfte der Befragten Präsident Selenskyj ihr Vertrauen aus³. Jenseits persönlicher Zustimmungswerte hängt die politische Stabilität der Ukraine in Kriegszeiten von institutioneller Kontinuität ab. Diese Einsicht spiegelt Lehren aus der ukrainischen Geschichte wider.
Im Februar 2014 floh Viktor Janukowitsch mit russischer Unterstützung aus der Ukraine und hinterließ ein Machtvakuum. Da der Präsident gleichzeitig Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist, waren die Folgen gravierend: Russland nutzte die Gelegenheit, die Krim nahezu widerstandslos zu annektieren.
Die Zweifel an Präsident Selenskyjs Legitimität kommen von außen – nicht aus der Ukraine: Es ist ausgerechnet Russland, das trotz seiner eigenen Geschichte von Wahlbetrug und politischer Repression das Narrativ der Illegitimität der aktuellen Regierung vorantreibt. Dieses Muster ließ sich bereits während der Präsidentschaft Petro Poroschenkos nach den Ereignissen von 2014 beobachten. Ironischerweise ist es nun Russlands vollumfänglicher Angriffskrieg gegen die Ukraine, der Wahlen überhaupt erst unmöglich macht.
2025 - Meinungsumfragen kehren zurück
2022 vereinbarten ukrainische Meinungsforschungsinstitute informell, während des Krieges keine politischen Umfragewerten zu veröffentlichen. Dafür gab es drei Gründe: Alle Kräfte sollten auf den Krieg konzentriert bleiben, freie Wahlen können unter russischer Besatzung nicht stattfinden - und Wahlen sind ohne einen Sieg nicht möglich.
Trotzdem begannen einige Institute im vergangenen Jahr damit, Umfragedaten zu veröffentlichen. Zugleich kursierten zahlreiche politische Aussagen „auf Basis nichtöffentlicher Erhebungen“, die sich mangels offen zugänglicher Erhebungsdaten nicht überprüfen lassen.
Als Reaktion darauf gründeten Info Sapiens und das Public Policy Development Office (PPDO) das U Electoral Data Project. Das Projekt verfolgt das Ziel, freien Zugang zu verlässlichen Wahldaten zu bieten – unabhängig von politischen Interessen oder Zugehörigkeiten.
Den erhobenen Umfragedaten zufolge ist der einzig ernst zu nehmende Gegenkandidat zu Präsident Selenskyj Walerij Saluschnyj. Er ist derzeitiger Botschafter der Ukraine im Vereinigten Königreich und erlangte 2022 breite Bekanntheit als Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte. Walerij Saluschnyj weist das höchste entgegengebrachte Vertrauen unter allen ukrainischen Politiker*innen und öffentlichen Amtsträger*innen auf⁴. Aktuelle Umfragedaten vom Dezember 2025 sehen Präsident Selenskyj bei 24 % und Saluschnyj bei 17 %, während kein weiterer Kandidat mehr als vier Prozent erreicht.
Was die Werchowna Rada betrifft, so werden wohl nur drei Parteien ihren Platz im Parlament behaupten: Sluha narodu (Diener des Volkes), Jewropeiska Solidarnist (Europäische Solidarität) und Batkiwschtschyna (Vaterland). Hinzu könnten neue Parteien stoßen, die sich aus Kriegsveteran*innen und Freiwilligen rekrutieren und im Vorfeld der Wahlen entstehen⁵. Ob prominente Persönlichkeiten aus diesen Kreisen formell in die Politik eintreten werden, bleibt offen – ihre Sichtbarkeit im Krieg positioniert sie jedoch als potenzielle Herausforderer der etablierten Parteien.
Aktuelle Umfragen sind keine Wahlprognosen
Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass diese Erhebungen unter Kriegsbedingungen stattfinden. Aktuelle Umfragen spiegeln das Potenzial einzelner Personen und ihrer Teams wider – nicht das Ergebnis künftiger Wahlen. Sobald die Kampfhandlungen enden und die Sicherheitslage Wahlen ermöglicht, werden drei Faktoren das politische Bild entscheidend prägen: Erstens kann das Kandidat*innen- und Parteiengefüge erheblich von der heutigen Lage abweichen. Zweitens dürfte sich die demographische Zusammensetzung der Wählerschaft deutlich verändern, vor allem durch die Rückkehr von Ukrainer*innen aus dem Ausland. Drittens können sich die Umfragewerte rasch verschieben, sobald ein echter Wahlkampf beginnt – von dem wir heute noch weit entfernt sind.
Alles in allem enthält Selenskyjs Bereitschaft, Wahlen abzuhalten, für ein ukrainisches Publikum wenig Neues. Westliche Medien scheinen die Aussage als bedeutsam einzuordnen, in der Ukraine aber überraschen sie kaum jemanden. Die Bevölkerung hat längst verstanden, dass die Sicherheitslage der entscheidende Faktor ist. Praktisch ändert sich nichts: Wahlen können erst stattfinden, wenn das Kriegsrecht aufgehoben ist, die Kampfhandlungen eingestellt wurden und glaubwürdige Garantien bestehen, dass es während des Wahlprozesses nicht zu erneuten Kampfhandlungen kommt.
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¹ Daten des KIIS aus demselben Zeitraum zeigen, dass 78 Prozent der Ukrainer*innen Wahlen während des Krieges ablehnten, während 19 Prozent sie unterstützten.
² Ebd.
³ Unveröffentlichte Daten von Info Sapiens aus dem Dezember 2025 zeigen, dass 55 Prozent der Ukrainer*innen Präsident Wolodymyr Selenskyj ihr Vertrauen aussprachen, während 42 Prozent ihr Misstrauen äußerten.
⁴ Das Vertrauen in Saluschnyj liegt weiterhin über dem Vertrauen in Präsident Wolodymyr Selenskyj. Unveröffentlichte Umfragedaten des Instituts Info Sapiens aus dem Dezember 2025 zeigen, dass 55 Prozent der Ukrainer*innen Präsident Selenskyj ihr Vertrauen aussprechen, während 42 Prozent ihm misstrauen. Für Saluschnyj liegen die entsprechenden Werte bei 67 Prozent Vertrauen und 25 Prozent Misstrauen.
⁵ Mögliche neue politische Akteure neben Valerij Saluschnyj sind unter anderem Andrij Bilezkij (Gründer des Asow-Regiments und ehemaliger Parlamentsabgeordneter), Kyrylo Budanow (Leiter des Präsidialamts), Denys Prokopenko (Kommandeur des Asow-Regiments während der Verteidigung von Mariupol), Serhij Prytula (Koordinator von Freiwilligeninitiativen und Person des öffentlichen Lebens) sowie Serhij Schadan (Schriftsteller und Kulturaktivist, aktiv in der humanitären Arbeit).
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Inna Volosevych ist stellvertretende Direktorin von Info Sapiens und Mitgründerin des U Electoral Data Project. 2024 war sie Fellow beim Kompetenzverbund Interdisziplinäre Ukrainestudien, in den Jahren 2023–2024 forschte sie im Rahmen des Ukraine Research Networks (UNET) am ZOiS zum Einfluss des Krieges auf die ukrainische Gesellschaft. Inna Volosevych verfügt über rund 20 Jahre Erfahrung in der Durchführung soziologischer Erhebungen, insbesondere im Bereich von Wahlforschung in der Ukraine und anderen europäischen Ländern. Sie hat einen Masterabschluss in Soziologie.