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Noch keine Vergangenheit: Tschornobyls langer Schatten über die Ukraine
Die Bilder von Tschornobyl scheinen vertraut: verlassene Häuser, überwucherte Straßen. Doch sie erzählen nur einen Teil der Geschichte. Darya Tsymbalyuk spricht im Interview darüber, was diese Darstellungen ausblenden und wie sich Erfahrungen von Zerstörung und Bedrohung von 1986 bis in den gegenwärtigen Krieg fortschreiben.
Das überwucherte Restaurant "Prypjat" in Tschornobyl - benannt nach dem gleichnamigen Fluss der Region. Das Bild der "zurückehrenden Natur" prägt vielerorts den Blick auf Tschornobyl - und verstellt dabei den Blick auf die vollumfassenden Folgen der Katastrophe.
Tschornobyl wird oft als technische Katastrophe mit verheerenden Folgen für die Umwelt beschrieben. Doch der Reaktorunfall hat auch die Gesellschaft verändert. Was davon wirkt bis heute nach?
Tschornobyl hat die heutige Ukraine tiefgreifend geprägt. Es überrascht daher nicht, dass eine der bedeutendsten Literaturwissenschaftlerinnen der Ukraine, Tamara Hundorova, ihr Buch zur ukrainischen Literatur nach 1991 Post-Chornobyl Library nannte – und damit Tschornobyl, nicht die Unabhängigkeit, zum Bezugspunkt des Titels machte. Die Erfahrung, Tschornobyl miterlebt und überlebt zu haben, hat unser soziales und kulturelles Selbstverständnis nachhaltig verändert.
Die Spuren der Katastrophe zeigen sich bis heute – durch nukleare Verseuchung, in Maßnahmen zur Bodensanierung und durch Erinnerungen an Vertreibung . Sie zeigen sich in der Erinnerung an Atomsirenenübungen, die Kinder meiner Generation noch in der Schule machten, in der Kraft der Umweltbewegungen und des Aktivismus und im alltäglichen Wissen, auf hochkontaminiertem Boden zu leben.
Doch die Spuren, die Tschornobyl hinterlassen hat, sind nicht nur physischer Natur. Tschornobyl hat auch unser Verhältnis zur Zeit verändert. Die ukrainische Gesellschaft nach Tschornobyl ist postapokalyptisch – und lebt im heutigen Krieg wieder in einer Situation existenzieller Bedrohung. Im westlichen Denken wird Zeit meist linear gedacht, oft als Idee des Fortschritts - und das Anthropozän als eine Katastrophe, die erst noch bevorsteht. Für diejenigen, die die Folgen eines „Endes der Welt“, etwa der nuklearen Katastrophe, erleben und zugleich ein weiteres Ende durchleben – wie heute im Kontext des Krieges –, verändert sich der Blick auf Zeit und Zukunft und damit auch das Verständnis von Dringlichkeit und Gerechtigkeit.
Das Reaktorunglück von Tschornobyl war ein Unfall mit verheerenden Folgen. Was verbindet die Katastrophe von damals mit der Ukraine im Krieg heute?
Ich glaube, wir sind immer noch dabei, die Zusammenhänge zu verstehen. Das ist eine Aufgabe, die immer schwieriger und dringlicher wird, da Menschen, Orte und das mit ihnen verbundene Wissen weiterhin ausgelöscht und zerstört werden.
Fest steht, dass Russlands Vollinvasion einem alten imperialen Muster folgt: Die Ukraine war lange ein Ort großangelegter Rohstoffausbeutung und Landschaftsumgestaltung durch Staudämme, Monokulturen und Kohlebergbau. Was einst mit Gewalt aufgebaut und ausgebeutet wurde, wird heute ebenso gewaltvoll zerstört.
Der vollumfängliche Angriffskrieg 2022 begann mit der Besetzung der Sperrzone von Tschornobyl. Und die Zerstörung des Kachowka-Staudamms im Jahr 2023 weckte verdrängte Erinnerungen an den Bau des Damms und die Überschwemmungen und Vertreibungen, die er in den 1950er Jahren verursacht hatte. Es gibt viele weitere Beispiele, die gar nicht erst in die internationalen Schlagzeilen gelangen, wie etwa die Umweltverschmutzung durch eine während der Sowjetunion als Großprojekt erbaute Aluminiumfabrik in meiner Heimatstadt Mykolajiw im Süden der Ukraine. Bis 2022 war sie de-facto im Besitz einen russischen Oligarchen.
Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Rob Nixon beschreibt Vertreibung infolge von Umweltzerstörung als eine Form langsamer Gewalt, die sich über Jahre hinweg unsichtbar entfaltet: Strahlung, die in den Boden überwandert, Krebserkrankungen, die Jahrzehnte später auftreten, Lebensräume, die still und leise unbewohnbar werden. Was wir bei Tschornobyl und im aktuellen Krieg beobachten, ist eine Kombination aus langsamer und schneller Gewalt. Es ist die unmittelbare Zerstörung, die Schlagzeilen macht, und eben die unsichtbare, die sich erst über Generationen zeigt.
Wenn wir an die Zahl der offiziellen Todesopfer infolge von Tschornobyl als auch jetzt im Krieg denken, liegt diese Zahl deutlich unter der tatsächlichen Zahl, da viele Todesfälle nicht unmittelbar sichtbar sind, etwa solche, die durch Krankheiten auftreten oder die Lebenserwartung verkürzen. Tschornobyl bedeutet den Verlust einer ganzen Welt – einer Welt, die von unzähligen Arten bewohnt wurde und noch immer bewohnt wird. Auch Russlands Krieg gegen die Ukraine ist der Verlust vieler Welten: von sandigen Küstenlandschaften über Wälder bis hin zu Meeren. Keine Zahl kann das vollständig erfassen.
Im Ausland ist Tschornobyl zu einer Kulisse für Touristen, Videospiele und Vorstellungen davon geworden, wie sich die Natur ihr Terrain zurückerobert. Was bleibt bei dieser Sichtweise verborgen?
Jahrelang hat es mich ziemlich geärgert, dass Tschornobyl das Einzige war, was die Menschen über die Ukraine und insbesondere über die Ukraine und ihre Umwelt wussten. Gemeinsam mit meiner Kollegin Tanya Richardson habe ich darüber geschrieben, wie Tschornobyl zum Synonym für die Ukraine selbst wurde – ein Ort des Anderen, ein exotischer Ort der Zerstörung. Und diese Erzählung zeigt sich anhand zweier widersprüchlicher Bilder: dem nuklearen Trümmerfeld und der Natur, die nach der Katastrophe wieder dorthin zurückkehrt.
Das Narrativ einer wundersamen Rückkehr der Natur zeigt sich inzwischen am ehemaligen Kachowka-Stausee, dessen trockengefallener Grund nach der Zerstörung des Staudamms 2023 nun von neuer Vegetation bewachsen wird.
Die Leute fragen mich oft gleichzeitig nach Tschornobyl und Kachowka. Fragen sind Spiegelbilder unserer selbst, und für mich sprechen eben solche Fragen und Erzählungen von unserem Wunsch zu glauben, dass, egal wie viel Schaden wir anrichten, alles wieder gut wird, die Natur zurückkehren wird. Ich halte das für einen ziemlich gefährlichen Weg, der das Risiko birgt, in Zukunft noch rücksichtslosere Zerstörung zu ermöglichen und uns von unserer Verantwortung zu entbinden.
Weltuntergangs-Erlebnisse wie Tschornobyl oder der andauernde Krieg übersteigen schließlich das, was Sprache und Bilder erfassen können. Damit kämpfe ich jeden Tag. Und gerade weil mir die Worte dafür fehlen, suche ich nach ihnen.
Zuletzt habe ich viel über das ukrainische Wort „perebuty“ nachgedacht, das ich spekulativ mit „über-sein“, „über-existieren“ übersetze. Das ist mein Versuch, etwas auszudrücken, das im Englischen und Deutschen keine Entsprechung hat. Es ist ein komplexes und mehrdeutiges Wort, das sowohl der Zerstörung ins Gesicht schaut, als auch versucht im Einklang mit den Lebensformen vor Ort zu bleiben. Es ist unmöglich, das in einem Satz zu erklären, und deshalb schreibe ich immer wieder darüber.
Darya Tsymbalyuk ist Assistenzprofessorin im Fachbereich Slawische Sprachen und Literaturen sowie Mitglied im "Komitee für Umwelt, Geografie und Urbanisierung" an der University of Chicago. Ihr Buch "Ecocide in Ukraine: The Environmental Cost of Russia’s War" (Polity, 2025) wurde mit dem Kovaliv-Preis 2025 und dem Humanities Institute Prize der Arizona State University 2026 ausgezeichnet.