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Tschornobyl als Infrastruktur der Macht
Tschornobyl war als technologisches Großprojekt Bestandteil sowjetischer Machtpolitik - und ebnete als Auslöser von Protest schlussendlich auch den Weg der Ukraine zur Unabhängigkeit. Vierzig Jahre nach dem Reaktorunfall erfährt die Angst vor einer nuklearen Katastrophe durch die russische Vollinvasion eine neue Bedeutung. Ein Interview mit dem Historiker Klaus Gestwa.

Untitled/ Viktor Maruschtschenko: Das Foto zeigt das Ortsschild der Stadt Prypjat, gekennzeichnet als Sperrgebiet. Der Fotograf Viktor Maruschtschenko dokumentierte die Ereignisse direkt nach der Katastrophe 1986. Mehr als drei Jahrzehnte später, 2022, drangen russische Truppen in die Sperrzone vor.
Im Schatten der russischen Vollinvasion gegen die Ukraine jährt sich die Reaktorkatastrophe von Tschornobyl dieses Jahr zum 40. Mal. Was bedeuteten solche Großprojekte für die sowjetische Führung?
Politische Macht und technologische Großprojekte gehörten in der Sowjetunion von Anfang an zusammen. Nach 1917 wollten die neuen Machthaber im Kreml das rückständige Imperium in kürzester Zeit in eine moderne Industriemacht verwandeln.
Lenins Formel von 1920 „Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“ bringt das auf den Punkt: Macht und rasante Modernisierung gingen Hand in Hand.
Die großen Energie- und Infrastrukturprojekte ab den späten 1920-er Jahren, oft mit massenhafter Zwangsarbeit gebaut, zogen Begeisterte ebenso an wie Entrechtete und Verfolgte: Wer sich für die Fünfjahrespläne aufopferte, konnte Teil des neuen „Sowjetvolks“ werden. Diese brutale Industrialisierung zerstörte soziale Lebenswelten und Ökosysteme, legte aber zugleich den Grundstein für den Aufstieg der Sowjetunion zur Supermacht.
Auch nach Stalins Tod 1953 gewann Atomkraft im Kalten Krieg weiter an Bedeutung und stieg neben der Raumfahrt zum neuen Ersatzschlachtfeld auf – hier sollte die Sowjetunion mit Pionierleistungen ihre Überlegenheit beweisen. Die sowjetische Führung war überzeugt: Mit dem Anbruch des Atomzeitalters stehe der Sieg des Kommunismus unmittelbar bevor.
1954 ging in Obninsk südwestlich von Moskau so das erste Kernkraftwerk der Welt in Betrieb. Auch an den Ufern des Dnipro in der Sowjetukraine, dessen Flusslauf bereits durch sechs Staudämme „erobert“ worden war, entstanden große Reaktoranlagen: zunächst in Tschornobyl im Norden der Ukraine ab 1970, später in Saporischschja im Südosten ab 1980.
Doch der atomare Fortschrittsglaube erlitt bald einen brutalen Bruch: Als „Titan der sowjetischen Energiewirtschaft" gefeiert, entpuppte sich Tschornobyl nach der Explosion des vierten Reaktorblocks am 26. April 1986 als Titanic der Atomindustrie. Die Illusion, die sowjetische Technik sei die beste der Welt, zerplatzte.
Die ukrainische Zivilgesellschaft gilt heute oft als aktiv und widerstandsfähig. Doch welche Rolle spielte Tschornobyl für ihre Entwicklung und die Unabhängigkeit der Ukraine?
Die ukrainische Zivilgesellschaft politisierte sich recht spät – aber dann mit Wucht. Neben dem Ruf nach demokratischer Mitsprache, kultureller Eigenständigkeit und einer ehrlichen Aufarbeitung der Geschichte war es vor allem die massive Umweltverschmutzung, die die Menschen auf die Straße trieb. Ökologische Belange entwickelten sich zur Fragen von demokratischer Mitbestimmung und nationaler Eigenständigkeit.
Dass sich im Sommer 1989 die ukrainische Nationalbewegung Ruch gründete, war kein Zufall: Ein halbes Jahr zuvor waren alle Nachrichtensperren zu Tschornobyl gefallen. Plötzlich deckten die Medien schonungslos auf, wie katastrophal das staatliche Krisenmanagement versagt hatte. Das Vertrauen in den sowjetischen Parteisstaat zerbrach.
Im August 1989 zogen Menschen mit blau-gelben Fahnen durch Kyjiw und forderten „einen Nürnberger Prozess für Tschernobyl". Im Oktober 1990 – auf dem Platz, der heute Majdan heißt – stellte die „Revolution auf Granit" die Weichen in Richtung einer demokratischen, unabhängigen Ukraine. Der ungeheuerliche Vorwurf eines „nuklearen Genozids" machte die Runde. Tschornobyl war also nicht nur eine Umweltkatastrophe. Die Explosion des vierten Reaktorblocks wirkte wie ein Krisenbeschleuniger – und verkürzte die politische Halbwertzeit des sowjetischen Imperiums.
Gut vier Jahrzehnte nach Tschornobyl sind nukleare Risiken durch die russische Vollinvasion von neuer Brisanz. Welche Rolle spielt Atomenergie heute in Russlands Machtpolitik?
In der Russischen Föderation reorganisierte sich das sowjetische Atom-Archipel in der neuen Staatsholding Rosatom, die während Putins Amtszeit an Einfluss gewann. Rosatom bringt sich inzwischen nicht nur in die Entwicklung moderner Waffensysteme ein, sondern dient dem Kreml auch dazu, durch den Export von Reaktoren, Brennstäben und angereichertem Uran neue energetische Abhängigkeiten zu schaffen und damit Russlands Position auf dem Weltmarkt sowie in der Weltpolitik zu festigen.
Belarus, dessen Staatsgebiet durch den radioaktiven Fallout von 1986 zu einem Fünftel strahlenbelastet ist, wird bald einen großen Teil seines Stroms durch zwei aus Russland gelieferte und finanzierte Atomreaktoren gewinnen. Auch Kasachstan, das mit dem Atomwaffentestgelände Semipalatinsk unter einer düsteren Nuklear-Vergangenheit leidet, hat sich inzwischen nach einem Referendum für den Bau eines neuen Kernkraftwerks unter Federführung von Rosatom entschieden. Auch die Ukraine setzte nach 1991 ihre Zusammenarbeit mit Russland fort. Nach 2014 löste sie ihre Abhängigkeit von Rosatom produziert 2021 mit vier Kernkraftwerken mehr als die Hälfte ihres Stroms.
Das aktuelle Kriegsgeschehen ruft ins Bewusstsein, dass Kernkraftwerke nicht nur leistungsfähige Stromlieferanten, sondern auch potenzielle Massenvernichtungsanlagen sind, wenn sie außer Kontrolle geraten oder gezielt zerstört werden: Im Februar 2025 durchschlug eine russische Drohne die Schutzhülle über dem 1986 havarierten Reaktorblock. Bereits 2022 waren russische Einheiten in die Sperrzone vorgestoßen, wirbelten radioaktiven Staub auf, gruben an hochkontaminierten Stellen Schützengräben aus. Und immer wieder werden Strom- und Wasserversorgung der ukrainischen Kernkraftwerke durch Angriffe unterbrochen. Deshalb erfahren mit dem derzeitigen Kriegsgeschehen die aus den 1980er Jahren überlieferten Atomängste ein unheimliches Update. Dadurch erhält der 40. Jahrestag des Super-GAU in Tschornobyl eine besondere Brisanz.
Klaus Gestwa ist Professor für Osteuropäische Geschichte und Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde an der Universität Tübingen und forscht zur Technik- und Umweltgeschichte der Sowjetunion.